Der Sommer 2006 war genau so, wie ein Sommer sein sollte: Die Tage waren heiß und voller Sonnenschein, die Abende lau und Deutschland wurde beinahe Weltmeister. Lang war dieser Sommer und wunderschön. Irgendwann packte mich die Befürchtung, dass ich an einem dieser sehr, sehr heißen Tage im unklimatisierten Kreißsaal landen würde und ich fand diese Vorstellung nicht besonders verlockend. Aber erstmal genoss ich den Sommer und das Gefühl, ein Kind im Bauch zu tragen.
Mitte August ändert sich das Wetter mit einem Mal und der Tag, an dem Du geboren bist, beginnt als kühler Spätsommermorgen. Es ist wenige Minuten vor acht und Du bist da - endlich, endlich. Die Sonne taucht die Welt gerade in ein sanftes, ganz goldenes Licht und wir sind noch vollkommen verzaubert von dem kleinen Wunder, das eben geschehen ist. Wir bleiben noch eine Weile zusammen und versuchen, zu begreifen. Ganz betrunken sind wir, von dem kleinen Glück, das da auf meinem Bauch liegt und das nun vorsichtig in diese verrückte Welt blinzelt. Und das fassungslose Grinsen auf unsern Gesichtern mag gar nicht mehr vergehen.
Eine Weile später sitze ich mit Frau Perle zusammen, die gerade eben noch meine Hand gehalten und dann Deine Nabelschnur durchschnitten hat. Wir unterhalten uns ein bisschen über ganz unwichtige Dinge. Plaudern, während der Mann, der gerade Dein Vater geworden ist, mit Dir unterwegs ist, um Dich zu baden und anzuziehen. Noch immer ist alles so vollkommen unbegreiflich. Wir sind schrecklich albern und aufgekratzt, aber als Dein Vater mit Dir in den Raum zurückkommt, werden wir wieder ganz still.
Am Abend dann sind wir alleine, Du und ich, und während Dein Vater zu Hause die Brötchen isst, die er morgens noch unbedingt kaufen musste. Du liegst auf meinem Bauch, Herz an Herz, Bauch an Bauch. Das Zimmer ist fast dunkel und im gegenüberliegenden Krankenhausflügel läuft auf irgendeinem Fernseher in irgendeinem Zimmer irgendein Fußballspiel. Ich werde in den nächsten Tagen kaum eine einzige Minute schlafen. Ich werde nicht lesen, nicht fernsehen. Ich werde Dich einfach ansehen und versuchen, zu verstehen.
Erst als die Sonne am nächsten Tag langsam wieder aufgeht, begreife ich:
Du bist mein Sohn. Und Du bleibst mir jetzt. Alles in diesem Moment ist ganz friedlich und still.
Nun bist Du fünf. Fünf Jahre! Und wie können das eigentlich schon fünf Jahre sein und nicht erst gestern? Es ist gut, dass Du da bist, weil ich mich nämlich nicht mehr daran erinnern kann, wie das Leben vorher war. Nach fünf Jahren sind wir mehr den je eine Familie. Ein funktionierendes System. Jeder von uns hat seinen Platz, seine Aufgabe in unserem kleinen Universum. Die Veränderungen des letzten Jahres sind manchmal schmerzhaft, aber ebenso faszinierend, unglaublich, unfassbar. Fünfjährige lieben es, die Welt zu hinterfragen, auszuprobieren, zu diskutieren und zu streiten. Sie haben einen provozierenden Augenaufschlag, ein gewinnendes Lächeln und sie möchten gerne ernst genommen werden. Sie sind empfindsam und verunsichert wie Zweijährige und lieben die Freiheit und das Leben wie Sechzehnjährige. Was für ein Spagat!
Mein Kind. Du bist genau richtig, so, wie Du eben bist und es ist gut so, wie es ist - wir haben Dich vom ersten Moment an geliebt. Nein, das stimmt nicht. Eigentlich muss es nämlich heißen: Wir haben wir Dich schon vom ersten Gedanken an geliebt.